Neue Rathausausstellung

Silva Nigra Menschen und Orte im Schwarzwald

Eine ganz besondere Ausstellung ist ab sofort im Rathaus in Niedereschach zu sehen. Der Königsfelder Künstler Günter Ludwig zeigt bis Ende März 2017 unter dem Thema „Silva Nigra-Menschen und Orte im Schwarzwald“ beeindruckende Fotos.

 

Das größte und populärste Mittelgebirge Deutschlands macht es einem kritischen Besucher nicht leicht, so Ludwig. Zu laut und aufdringlich vermarktet sich die Region mit ihren immer gleichen Bildmarken

vom Bollenhut bis zur Kuckucksuhr. Für ihn zu viele Bildbände, zu viele Kalender, zu viel Rummel um die Sehnsuchtslandschaft, in die jeder hineinprojeziert, was er sich unter einer heilen Welt vorstellt.

Eine Landschaft, die nicht entdeckt werden will, sondern die sich publizistisch aufdrängt, die noch den letzten Touristen zielstrebig hinführt zum höchsten Wasserfall Deutschlands oder zur größten Kuckucksuhr der Welt. Und was aus Heimatfilmen, Operetten und Fernsehserien hinzukommt, macht es auch nicht besser. Trivialkultur, Klischees und billige Folklore überall, so Ludwig. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen und einen zweiten Blick zu wagen. Denn trotz aller Scheinromantik: Der Schwarzwald ist dennoch schön! Am schönsten vielleicht dort, wo er wirklich unverwechselbar ist: Urige Landschaften gibt es ja in vielen Regionen, Wohnstallhäuser und Walmdächer auch. Aber dieses „Einssein“ mit der Natur, wenn ein Haus mit der Landschaft und der Umgebung verschmilzt, als sei es aus der Erde gewachsen, das gibt es in Deutschland nur im Schwarzwald, ebenso wie seine Zutiefst heimatverbundenen Menschen, die so weltoffen und innovativ sind, dass sie noch aus dem abgeschiedensten Tal heraus den Weltmarkt mit Hightech-Produkten beliefern. Eine fast alpine Berglandschaft, in der sich weltvergessene Höfe und endlose Wälder oder kahle Höhenzüge und kleine Dörfer und Städte und alte Klöster oder Burgruinen und stille Seen abwechseln. Das alles gibt es nur hier, so Ludwig, der den Schwarzwald mit seiner Natur und seinen Menschen lieht. Man müsse es ja nicht übertreiben. Nicht jeder Aus- und Anblick sei gleich zum Niederknien. Es gebe verfallene Höfe und hässliche Industriebauten, es gebe störende Windräder und verkitschte Wassermühlen für den amerikanischen Geschmack. Aber neben dem Unschönen und hinter dem nur scheinbar Schönen gebe es etwas, das trotz allem fasziniert, wenn man sich ernsthaft mit der Landschaft und mit den Menschen beschäftigt. Selbst die Gutacher Tracht mit ihren unvermeidlichen Bommeln seien im Original schön und verleihen ihrer Trägerin tatsächlich Anmut und Würde. Auch das archaische Brauchtum und die Fastnachtsfiguren mit ihren kunstvollen Schemen und Häsern sei faszinierend. Oder der Schwarzwälder Fuchs, jenes heimische Kaltblutpferd, das mit seiner Kraft

und seinem ausgeglichenen Charakter so gut in diese Landschaft passt.

Wer im Schwarzwald nur das Wunschobjekt massenkompatibler Erholung sieht und sich mit mildem Lächeln auf den Weg in die Toskana macht, der tut der Region unrecht, davon ist Ludwig überzeugt. Die scheinbar vertraute Landschaft erschließt sich allerdings kaum dem passiven Besucher, wohl aber dem Neugierigen, der für Seitenwege offen ist und der bereit ist, die Region, ihre Menschen und ihre

Geschichte auf eigenen Wegen jenseits aller Kuckucksuhrromantik zu entdecken. Dies alles wird in den nun im Rathaus zu sehenden Fotos von Ludwig, die bei seinen zahlreichen Fotoexkursionen entstanden, die er in den Jahren 2008 bis 2015 im Schwarzwald unternommen hat. „Als Grafiker und Fotograf wollte ich versuchen, die

Region möglichst umfassend zu portraitieren und dabei ein differenzierteres Bild zu entwerfen, als es in traditionellen Bildbänden und touristischen Magazinen üblich ist. Die Bilder sind deshalb bewusst

schwarzweiß gehalten und an einem fotografischen Stil ausgerichtet, der in deutlichem Gegensatz zu den Vermarktungsstrategien der Tourismusmanager und Wirtschaftsförderer steht: dem poetischen

Realismus“, so Ludwig weiter.

Neben Badespaß am Titisee und Après Ski am Feldberg, neben Schwarzwaldklinik, Kirschtorte und Trachtenfolklore gebe es ja noch etwas anderes im Schwarzwald, wie die Stille eines nebligen Herbsttages, den Zauber einer Christmette irgendwo in einem kleinen Dorf oder die Melancholie eines alten Hofes, der vor Jahren aufgegeben wurde und langsam verfällt. Momentaufnahmen, die den Blick

vom Spektakulären zum Stillen wenden, vom Vordergründigen zum Poetischen; Bilder, die durch ihren zurückhaltenden Anspruch einen Kontrapunkt setzen zur austauschbaren Hochglanzoptik vieler

Schwarzwaldbücher und -reportagen. Entstanden ist auf diese Weise eine Sammlung von etwa 15.000 Fotografien, die in einem geplanten Buch und in der Ausstellung in Niedereschach ihren Niederschlag

finden. „Mit dem Fotoessay über den Schwarzwald möchte ich nicht nur zu einem einfühlsamen Blick auf die populäre Landschaft im Südwesten Deutschlands einladen, sondern allgemein dazu

ermuntern, vertraute Lebensräume vor der Haustür mit neuen Augen zu sehen und die versteckte Poesie unserer Alltagswelt neu zu entdecken“, so Ludwig

 

Zur Person

Ludwig wurde 1956 in Nordhessen geboren und ist auf dem Land aufgewachsen. Nach dem Studium der Visuellen Kommunikation in Kassel richtete er 1983 in Edermünde ein Büro für Gestaltung ein und

arbeitete zunächst für verschiedene Museen in Hessen. Mit dem Umzug nach Villingen-Schwenningen erfolgte 1989 eine berufliche Neuorientierung: Als Art Director einer mittelständischen Werbeagentur

arbeitete er nun vor allem für Kunden aus den Bereichen Dienstleistungen und Investitionsgüter. Daneben hat er sich viele Jahre in verschiedenen Gremien und Fördervereinen im Bereich der

Kulturarbeit und der Denkmalpflege engagiert. Sein besonderes Interesse galt dabei vor allem den begleitenden Bilddokumentationen. Als Gestalter hat er mehrere Bildbände zu kunst- und

baugeschichtlichen oder volkskundlichen Themen betreut.

Seit März 2016 arbeitet er wieder als selbständiger Designer in einem eigenen Büro, wobei er sich, wie in der Anfangszeit ganz auf den Schwerpunkt  „Kulturkommunikation“ konzentriert. Über Grafik-Design und Illustration hinaus gehört für ihn die Fotografie zu den wichtigen Ausdrucksmöglichkeiten seiner Arbeit. In diesem Zusammenhang entstanden neben vielen Einzelarbeiten auch einige langfristig angelegte Fotodokumentationen, zum Beispiel über Ostpreußen, über das Leben

in einem Cistercienserkloster oder über die Reenactment-Szene in Süddeutschland, und schließlich als größtes Projekt dieser Art die Dokumentation über seine Wahlheimat, den Schwarzwald.